Albert Mehrabian: Wie wichtig ist Körpersprache?

Welchen Einfluss hat die Körpersprache auf die Kommunikation? Das hat der Psychologe Albert Mehrabian untersucht. Dabei kam er zu dem Schluss, dass ein Großteil der Kommunikation 55 % über die Körpersprache geschieht​. 38 % der Kommunikation erfolgt über die Art, WIE etwas gesagt wird​, ​Tonfall und Betonung. ​Und nur 7 % der Kommunikation machen das aus, was wir mit unseren Worten ausdrücken.

​Ist ​Körpersprache wichtiger als ​Sprache?

Dies wird – als „55-38-7-Regel“ – oft als vermeintlicher Beweis angeführt, dass Körpersprache​ ​sehr viel wichtiger als Sprache ist. Demzufolge würde dann unsere Kommunikation zu 93 % aus Körpersprache bestehen. Ganz so krass ist es aber nicht, dass man anhand der Körpersprache in diesem Ausmaß ​Menschen lesen kann.

Albert Mehrabian hat Teilnehmern Tonbandaufnahmen einzelner Wörter vorgespielt, die mit positivem, neutralem und negativem Tonfall gesprochen wurden. Zusätzlich zeigte er ihnen Fotos von Gesichtern mit ebenfalls verschiedenen Ausdrücken. Dann sollten die Probanden einschätzen, ob die Person sie sympathisch findet oder nicht.

​Vereinfacht gesagt, ist dies die Frage: Wenn du auf einer Party niemanden kennst, mit wem unterhältst du dich am ehesten? Mit jemandem, der mit neutralem Gesicht ​„Hallo​“ sagt, mit jemandem, der finster drein schaut und „Hallo“ sagt, oder mit jemandem, der dir zulächelt?

Das Ergebnis war, dass sich die Testpersonen bei widersprüchlichen Signalen am ehesten am visuellen Eindruck orientierten. Dann folgte der Höreindruck und erst dann entschieden sie sich anhand dessen, was gesagt wurde. Heraus kam so die 55-38-7-Formel.

Es ist ein Irrtum, in Mehrabians Versuchen einen Beweis für diese Prozentzahlen zu sehen. Albert Mehrabian selbst sagte nämlich, dass seine Zahlen das Ergebnis eines kontrollierten Experiments gewesen seien. Daher sind sie eben nicht grundsätzlich immer anwendbar. Außerdem untersuchte er nur Situationen, in denen es darum ging, wie Menschen zueinander stehen. Um herauszufinden, welchen Anteil nonverbale Kommunikation in alltäglichen Situationen hat, wären weitere und umfangreichere Experimente nötig.

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​Was ​​das Experiment von Albert Mehrabian auf jeden Fall zeigt, ist ...​

​... dass wir über mehr Sinne Kommunikation wahrnehmen und betreiben, als nur über Worte. Und dass Menschen unbewusst nonverbale Signale korrekt deuten können. Dies ist etwas, das wir bestimmt alle aus eigener Erfahrung kennen. Anhand der Mimik, Gestik und Haltung unseres Partners merken wir recht schnell, ob er gut gelaunt ist oder nicht. Ob ihn etwas bedrückt, ärgert oder beschäftigt.

​​Die 55-38-7-Regel kann also nicht pauschal auf jede Kommunikationssituation übertragen werden​. Sie ist ​aber ein sehr starker Hinweis auf die enorme Wichtigkeit der nonverbalen​ Kommunikation, sprich der Körpersprache.

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​Welchen prozentualen Anteil hat die Körpersprache nun?

Gegenfrage: Ist es denn so wichtig, den genauen Anteil zu kennen? Was wäre, wenn wir einmal annehmen, dass es ein 50-50-Verhältnis geben würde zwischen nonverbaler und verbaler Kommunikation? Dann müssten wir akzeptieren, dass die meisten von uns eine Hälfte der Kommunikation bisher völlig außer Acht gelassen haben. Und selbst, wenn nur 10 % über die Körpersprache kommuniziert werden würde, so könnten uns diese Signale sehr wichtige Hinweise darüber geben, was der, mit dem wir reden, tatsächlich meint.

Mit anderen Worten: Albert Mehrabian hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, unsere Sinne für die Wahrnehmung des eigenen Körpers zu schärfen. Und für die Körpersignale anderer Menschen.

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​Warum sagt Körpersprache doch so viel?

​Schuld daran sind unter anderem die Spiegelneuronen. Sie treten in unserem Gehirn immer paarweise auf. Ein Neuron ist dafür zu​ständig, Reize mit bekanntem Wissen zu verknüpfen. Die Aufgabe des anderen ist, d​ie Körperreaktionen zu steuern. Heißt grob gesagt: Wir nehmen einen äußeren Reiz wahr. Das kann beispielsweise ein leckeres Lachshäppchen​ am Buffet sein. ​Dieser Reiz wird mit einer entsprechenden Erinnerung verknüpft​, wie es geschmeckt  hat. Und schon läuft uns das Wasser im Mund ​zusammen.

Die Spiegelneuronen leisten darüber hinaus noch mehr. Allein wenn wir nur sehen, dass jemand sich das Lachshäppchen in den Mund steckt, reagieren sie so, als ob wir es selbst essen würden. In unserem Kopf läuft also eine Art Echtzeit-Simulation ab. Der italienische Forscher Rizzotalli fand dies in Experimenten heraus​. Allerdings mit Affen statt mit Menschen und Erdnüssen statt Lachshäppchen. Dieser Teil des Gehirns, das für unmittelbare Reaktionen zuständig ist, kann also nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden.

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​Körpersprache wird unbewusst erzeugt

Und oft kann das zweite Spiegelneuron sich nicht rechtzeitig zurückhalten und beginnt schon, dem Körper eine Reaktion auf den Reiz zu „befehlen“. Dann zucken wir zum Beispiel zusammen und verstummen, wenn wir ein lautes Geräusch hören. Oder wir springen ein Stück zur Seite, wenn wir uns erschrecken, oder halten die Hand vor den Mund.

Auf alltägliche und harmlosere Situationen bezogen, sind dies dann ​die Gesichtsausdrücke, die unsere wahren Gefühle verraten – etwa die spitzen Lippen und in Falten gezogene Stirn im Geschäftstermin​. ​Sie verraten, dass wir das Angebot, das wir eben erhalten haben, als zu schlecht ansehen. Oder die verschränkten Arme, die man oft (aber nicht immer!) sieht, wenn Menschen ihren Widerstand gegenüber einem Thema unbewusst Ausdruck verleihen. ​Sie alleine bedeuten erst einmal gar nichts. ​Aber in entsprechenden Situationen zeigt der Körper noch andere Signale, wie etwa einseitig hochgezogene Augenbrauen, angehobene Nasenflügel oder zusammengepresste Lippen.

​Immer wieder wichtig, sich in Erinnerung zu rufen: Verschränkte Arme an sich bedeuten erstmal gar nichts! 

Erst viele Signale zusammen ergeben ein umfassendes Bild, das man wirklich deuten kann. Dies gilt für alle möglichen Gefühlsregungen. Wenn wir auf die Körpersprache achten, ihre Veränderungen wahrnehmen und in Bezug zum Gesagten setzen, können wir viel mehr darüber erfahren, was der andere uns eigentlich sagen will.